Usability-Tests im Feld: UX-Testing in ungewöhnlichen Umgebungen
Monitore piepen, Maschinen laufen, Konzentration liegt in der Luft… und mittendrin ist unser Testsetup. Gute UX entsteht, wenn Research dorthin geht, wo Nutzung passiert – selbst dann, wenn es laut, eng oder dynamisch ist.
Viele Produkte scheitern nicht an ihren Funktionen, sondern daran, dass sie unter realen Bedingungen anders genutzt werden als gedacht. Wenn der Nutzungskontext die Ergebnisse beeinflusst, testen wir deshalb genau dort, wo Nutzung wirklich stattfindet – unabhängig davon, wie komplex oder ungewöhnlich das Setting ist. Wo der Kontext hingegen kaum eine Rolle spielt, kann ein Test im Labor völlig ausreichen. Hier stellt sich für viele Unternehmen die Frage, wie Usability-Tests unter realen, oft herausfordernden Bedingungen sinnvoll umgesetzt werden können. In diesem Artikel zeigen wir anhand konkreter Praxisbeispiele, wie wir als UX-Beratung Usability-Tests in unterschiedlichsten Nutzungskontexten durchführen, welche Hürden dabei entstehen, und wie wir sie methodisch und technisch lösen.
Hereinspaziert: Wie zeigt sich UX im Wohnzimmer?
Ein Usability-Test zur Einrichtung von kabellosen Kopfhörern und ihrer Nutzung in Kopplung mit einem TV-Gerät hat deutlich gezeigt: Was im Labor funktioniert, kann zu Hause an der Realität scheitern. Denn während unser zweistufiger Test im Labor kaum Probleme zeigte, tauchten im In-Home-Setting zahlreiche Usability-Hürden auf. Eigene, unterschiedliche TV-Modelle, natürliches Verhalten und Alltagsablenkungen machten plötzlich einen Unterschied. Genau deshalb war es wichtig, eine Testrunde auch im realen Umfeld durchzuführen: In-Home-Tests zeigen Konfigurations- und Kompatibilitätsfallen, die im Labor unsichtbar bleiben.
Auch das technische Setup musste zum Kontext passen. Eine starre Kameraposition hätte das natürliche Verhalten der Teilnehmenden in ihrem Wohnraum nicht eingefangen. Für solche Kontexte arbeiten wir mit einem Stativ mit Dreh- und Schwenkfunktion – flexibel positionierbar und geeignet, um sowohl Interaktionen am Fernseher als auch die Nutzung des Produkts in Sitzposition auf dem Sofa zu erfassen. Ergebnis: Weniger Kontrolle als im Labor, aber eine deutlich höhere ökologische Validität – das bedeutet: Die Untersuchungssituation ähnelt der realen Nutzungssituation stark. Dadurch lassen sich die Erkenntnisse besser auf den Alltag übertragen und auf natürliche Situationen außerhalb des Labors generalisieren, wodurch sie der tatsächlichen Produktrealität näherkommen.
- Eine Testperson packt kabellose Kopfhörer im Wohnumfeld aus.
- Anschließen des Zubehörs zur Einrichtung der kabellosen Kopfhörer am eigenen TV-Gerät.
Wenn „im Feld“ wörtlich wird: Wie wird Usability auf dem Acker getestet?
Regelmäßig testen wir auch dort, wo Mensch und Hightech direkt zusammenarbeiten – zum Beispiel in modernen Landmaschinen.
Im Traktor ist es eng und laut; Bedienelemente, Buttons und Screens verteilen sich in der Kabine, während die Maschine in Bewegung ist und eine kontinuierliche Hintergrundkulisse entsteht. Hier kommt es darauf an, den richtigen Weitwinkel zu finden, um alle relevanten Interaktionen einzufangen. Zusätzlich ergänzen wir eine zweite Perspektive auf die Person, die den Traktor bedient. Für die Tonqualität nutzen wir spezielle Mikrofonaufsätze. Wir arbeiteten uns in die Welt der Agrar-Streamer ein, bei deren technischer Ausstattung wir uns inspirieren lassen konnten. Weil Arbeitstage in der Landwirtschaft sehr lang sein können, haben wir außerdem ein Organisationssystem entwickelt, um immer ausreichend geladene Akkus und Speicherkarten parat zu haben. Sobald die Technik stand, ging es raus aufs Feld: authentische Bedienabläufe, echte Arbeitsgeräusche, echte Ablenkungen.

Usability-Test im Traktor während der Arbeit auf dem Feld.
UX Research im medizinischen Umfeld: Wie testet man Usability im laufenden OP-Betrieb?
Für Medizinprodukte ist gute Usability keine Kür – sie ist regulatorisch vorgeschrieben. Im Rahmen von Usability Engineering nach IEC 62366 müssen Hersteller sowohl formative als auch summative Usability-Tests durchführen: von formativen Usability- und UX-Tests zur schrittweisen Optimierung bis hin zur abschließenden Evaluation unter realistischen Bedingungen. Ab einem bestimmten Punkt bedeutet „realistisch“ auch: an Körperspenden. Genau in diesem Kontext testen wir, wie OP-Instrumente und -Geräte im realen Einsatz zusammenspielen – so auch in einem Wetlab-Setting rund um eine Wirbelsäulenoperation. Dort erprobte erfahrenes ärztliches Fachpersonal neue Instrumente und Geräte unter realen OP-Bedingungen, inklusive Röntgen (C-Bogen) und vollständigen OP-Abläufen – moderiert und beobachtet von unserem Research-Team.
Solche Settings bringen spezifische Herausforderungen mit sich: mehrere Kameraperspektiven gleichzeitig zu erfassen – das chirurgische Fachpersonal, das Operationsfeld, die OP-Instrumente und den Monitor des OP-Geräts – während alles in Bewegung ist und strenge Hygieneregeln gelten. Die Kamerabilder mussten im Live-Streaming laufend manuell umgestellt und sinnvolle Einstellungen für die Zuschauenden gewählt werden – eine Aufgabe, die bei uns die protokollführende Person übernimmt und die gleichzeitiges Beobachten, Dokumentieren und Bildsteuern erfordert. Das Live-Streaming mehrerer beweglicher Kameraperspektiven unter Hygieneregeln und laufendem OP-Betrieb gehört für uns zu den technisch wie organisatorisch anspruchsvollsten Aufgaben. Eine weitere Herausforderung war die Positionierung unserer Kamera, die den zu operierenden Körperbereich aus der Vogelperspektive filmte. Sie stand zeitweise in Konflikt mit der Kamera des OP-Instruments, die für die Navigation im Körper notwendig ist: In bestimmten Situationen verdeckte unsere Kamera den Blickwinkel der OP-Instrument-Kamera. Die Höhe musste deshalb laufend dynamisch angepasst werden.
Auch auf Moderationsebene ist ein Test im OP anspruchsvoller als in anderen Kontexten. Entscheidend ist die klare Rollenabstimmung im Vorfeld: In welchen Momenten fragen wir nach – und wann halten wir uns bewusst zurück? Research im medizinischen Umfeld verlangt methodische Flexibilität und Empathie für hochspezialisierte Routinen. Die beste Technik nützt wenig, wenn sie den Ablauf stört – Minimal-Intrusion ist hier das oberste Prinzip.
Nicht zu unterschätzen: Unser Team war mittendrin – und das muss man mögen. OP-Kittel, Handschuhe, gründliches Desinfizieren – die Vorbereitung unterschied sich kaum von der des OP-Teams. So nah am Eingriff zu stehen ist nicht für jeden. Es erfordert genau das, was in solchen Settings zählt: Ruhe und Professionalität unter außergewöhnlichen Bedingungen.

Usability-Test von OP-Instrumenten und -Geräten in einem Wetlab-Setting.
Warum lohnen sich Usability-Tests im Feld – auch wenn sie aufwändiger sind?
Manche Forschungsfragen erfordern es, dass Usability-Tests im Feld statt im Labor stattfinden. Doch auch wenn es nicht zwingend notwendig ist, kann das Testen im Feld wertvolle Erkenntnisse liefern:
- Es wird im tatsächlichen, realistischen Nutzungskontext getestet. Nutzende agieren in ihrer gewohnten Umgebung – dadurch lassen sich natürlichere Nutzungsgewohnheiten beobachten. Im Feld erleben wir die tatsächlichen Bedingungen. Kontextfaktoren wie Ablenkungen, Lichtverhältnisse, technische Ausstattung, Geräuschpegel etc. fließen automatisch mit ein.
- Das Verhalten der Nutzenden kann im Feld authentischer sein, weil die Teilnehmenden sich weniger „beobachtet“ fühlen als unter Laborbedingungen. Daraus resultiert eine höhere ökologische Validität – also eine höhere Übertragbarkeit und Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf den realen Alltag.
Fazit: Testmethoden müssen sich dem Nutzungskontext anpassen – nicht umgekehrt
Usability-Tests außerhalb des Labors sind aufwändiger, manchmal ungemütlich und selten perfekt planbar. Aber sie belohnen uns mit wertvollen Insights: Wir sehen, wie Menschen wirklich mit Systemen umgehen – nicht nur, wie sie es unter Idealbedingungen tun würden. Beobachtung zeigt Nutzungsverhalten, das Teilnehmende selbst nicht beschreiben könnten – weil es selbstverständlich, unbewusst oder kontextabhängig ist.
Unser wichtigstes Learning aus OP-Saal, Wohnzimmer und Traktor lautet deshalb: Gute UX entsteht dort, wo echte Nutzung passiert. Und genau diese Echtheit ist es, die uns hilft, Produkte zu entwickeln, die nicht nur funktionieren – sondern verstanden, akzeptiert und gerne genutzt werden.
Damit das gelingt, braucht es ein Testsetting, das sich konsequent an Ihren Fragestellungen und am realen Nutzungskontext orientiert. Genau dieses Setting entwickeln wir gemeinsam mit Ihnen – passgenau, pragmatisch und mit der Erfahrung aus hunderten von Usability-Tests in den unterschiedlichsten Kontexten.