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Green UX – können UX Designer die Welt verbessern?

Welche Auswirkungen haben Websites oder Apps auf unser Klima und können UX Designer diese Auswirkungen beeinflussen? Entscheidungen im digitalen Umfeld können durch User Interface Elemente beeinflusst werden. UX Designer sind sozusagen die Entscheidungsarchitekten der digitalen Welt.

Am 28.11.2019 rief das Europaparlament den Klimanotstand für Europa aus. Jeden Freitag gehen für Fridays For Future Tausende junge Menschen weltweit auf die Straßen und demonstrieren für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Immer wieder schließen sich im Rahmen des globalen Klimastreiks den Kindern und Jugendlichen auch Wissenschaftler, Eltern, Großeltern, Unternehmen, etc. an und unterstützen die Demonstrationen. Auch wir waren am 20.09. und 29.11.2019 in Hannover dabei.

“Climate change is no longer some far-off problem; it is happening here, it is happening right now.” – Barack Obama

Da das Jahr 2018 in Deutschland geprägt war von Hitzewellen, Stürmen und Dürren hat Germanwatch e.V. in dem Global Risk Index 2020 Deutschland zu den drei am stärksten betroffenen Staaten erklärt. Die Folgen des Klimawandels werden immer direkter spürbar. Trotzdem liegt der durchschnittliche CO2-Verbrauch pro Person im Jahr 2016 in Deutschland bei 8,9t. Das klimaverträgliche Jahresbudget einer Person liegt laut WBGU Sondergutachten 2009 bei 1,8t – 2,7t CO2. Es ist also (schon lange) Zeit zu handeln.

Der Einfluss von UX Design auf das Klima

Welche Auswirkungen haben Websites oder Apps auf unser Klima und können UX Designer diese Auswirkungen beeinflussen?

Egal ob bei der Arbeit, unterwegs oder zu Hause – die Deutschen sind online. Laut der Onlinestudie von ARD & ZDF nutzten 2019 rund 70% der Bevölkerung täglich das Internet, bei den 14- bis 29-Jährigen liegt der Wert sogar bei 98%. Das Zugticket wird nicht mehr am Bahnsteig gekauft, sondern bequem von unterwegs per App. Wenn wir wissen wollen, wie das Wetter morgen wird, fragen wir Alexa, Siri und Co. Alle Bereiche unseres Lebens verändern sich durch die zunehmende Digitalisierung: die Wissenschaft, das Einkaufsverhalten, die Politik, die Nachrichten, unsere Arbeitswelt, die Mobilität und unsere Kommunikation.

Entscheidungen im digitalen Umfeld können durch User Interface Elemente beeinflusst werden. UX Designer sind sozusagen die Entscheidungsarchitekten der digitalen Welt. Wenn man nun bedenkt, wie viele Menschen täglich die von UX Designern mit bestimmten Intentionen gestalteten Websites und Apps nutzen, dann wird deutlich, dass UX Designer durchaus Einfluss darauf haben, die Welt zumindest ein kleines bisschen zu verbessern.

Websites oder Apps, die die Welt verbessern

Die beste Möglichkeit für einen UX Designer, positiv auf die Umwelt zu wirken, sind Websites oder Apps zu entwickeln, die dazu beitragen Ressourcen zu schonen, CO2-Emissionen zu vermeiden oder die Verschmutzung der Umwelt zu verringern. Einige interessante Projekte haben wir auch auf dem World Usability Day in Hannover am 14.11.2019 vorgestellt, wie zum Beispiel:

  • Mit der App von Too Good To Go können Gastronomiebetriebe übrig gebliebenes Essen für einen geringeren Preis anbieten und die Nutzer können die Portionen direkt online kaufen und sie dann zu der angegebenen Uhrzeit abholen: Weniger Lebensmittelverschwendung.
  • Wenn man gerade ein in Plastik eingepacktes Produkt in der Hand hält, das man viel lieber ohne Plastikverpackung hätte, kann man dieses mit der App Replace Plastic scannen und es wird eine Mail an den Hersteller versandt: Weniger Plastik.
  • Enyway ist eine Plattform, die Betreiber von Windrädern oder Solardächern mit Verbrauchern zusammenbringt, die ihren Strom dann direkt beim Erzeuger kaufen können: Ökostrom direkt vom Erzeuger.

Funktionsweise von Enyway, Quelle: https://www.enyway.com/de/so-funktionierts am 3.11.2019


Nudging – Umweltfreundliches Verhalten anstupsen

Was kann ich als UX Designer tun, wenn das Kerngeschäft der Website nichts mit Umweltschutz zu tun hat? Eine Möglichkeit ist Digital Green Nudging. Nudging heißt so viel wie „schubsen/stoßen“ und Digital Green Nudges beschreiben alle Maßnahmen, die auf einer Benutzeroberfläche durch Designer eingebaut werden, um umweltfreundliches Verhalten zu fördern.

Nudging funktioniert, weil Menschen auch in Situationen Entscheidungen treffen müssen, in denen nicht ausreichend viel Zeit ist, um alle Möglichkeiten zu reflektieren und zu überdenken. Deshalb greifen Menschen auf Heuristiken zurück – also Faustregeln. Die vermutlich bekannteste ist die Ankerheuristik oder Inferenzheuristik, bei der sich Urteile in Richtung eines vorgegebenen Ankers orientieren. Wenn beispielsweise gemeinnützige Organisationen online um Spenden bitten und dafür Optionen wie 20€, 30€, 50€ und einen beliebigen eigenen Betrag anbieten, dann wählen sie diese Beträge nicht zufällig, sondern setzen diese bewusst als Anker ein, denn damit fallen die Spenden wesentlich höher aus, als wenn die angebotenen Optionen 5€, 10€ und 20€ wären.

Ankerheuristik Beispiel Unicef, Quelle: https://www.unicef.de, am 4.12.2019


Heuristiken wie diese können helfen, aber auch in die Irre führen und Fehlentscheidungen verursachen. Insbesondere bei komplexen Entscheidungen unter Zeitdruck sind Menschen empfänglich für Nudges und nehmen sie als „Hilfestellung“ an.

Nudges können zum Beispiel Defaults sein. Erst die Entscheidung gegen die Standardeinstellung erfordert eine Aktion. Fehlendes Interesse, Faulheit und der Status Quo Bias sind Ursachen dafür, dass die Standardeinstellungen i.d.R. beibehalten werden und dadurch Entscheidungen gelenkt werden können. Auch ein gutes Mapping kann als Nudge wirken. Dabei werden Entscheidungen und die dadurch resultierenden Folgen miteinander verknüpft und so können abstrakte Informationen verständlich aufbereitet werden.

Beispiel Mapping bei Treedom, Quelle: https://www.treedom.net am 4.12.2019


Das Mobilitätsportal fromAtoB (Link fromAtoB) vergleicht Verbindungen mit Bus, Bahn, Flugzeug oder Mitfahrgelegenheit und zeigt seit einer Weile auch den CO2-Ausstoß jeder Verbindung an und bietet die Möglichkeit, alle Verbindungen absteigend nach dem CO2-Ausstoß zu sortieren. Damit werden die Nutzer*innen angestupst, eine Verbindung mit weniger CO2-Ausstoß zu wählen.

Digital Green Nudging am Beispiel des Mobilitätsportals fromAtoB, Quelle: https://www.fromatob.com am 4.11.2019

Bei Flixbus besteht beispielsweise schon die Möglichkeit, bei der Buchung einer Verbindung, die entstehenden CO2-Emissionen zu kompensieren. Der für die Distanz berechnete Betrag wird auf den Ticketpreis aufgeschlagen und in Projekte von atmosfair (Link Atmosfair) gesteckt. Einen noch größeren Effekt für die Umwelt könnte dieser Nudge haben, wenn nicht nur die Möglichkeit zur Kompensation geboten werden würde, sondern die Kompensation per Default gewählt wäre. Da Menschen dazu neigen, den Status Quo beizubehalten, würden sie auch den Haken bei “Fahrt kompensieren” gewählt lassen.

Kompensationsmöglichkeit bei Flixbus, Quelle: https://www.flixbus.de am 4.12.2019


Beim Einsatz von Nudges sollte dem UX Designer immer bewusst sein, dass Menschen nur zu Entscheidungen angestupst werden sollten, die sie nach genauem abwägen auch selbst getroffen hätten und dass alle Nudges auch ohne Probleme zu umgehen sein müssen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Nudges keine ungewollten Entscheidungen erzwingen.

Schlanke Codes und grüner Strom

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die CO2-Emissionen, die durch die Nutzung einer Website entstehen. Denn auch wenn das viel zu häufig vergessen oder vernachlässigt wird, wird auch schon durch die Nutzung einer Website CO2 erzeugt.

Deshalb ist es zum einen wichtig, dass die Websites technisch so aufgebaut werden, dass sie weniger Daten und somit weniger Rechenleistung erfordern. Diese Aufgabe liegt aber natürlich primär bei den Entwicklern. Bei Grafiken sollte beispielsweise abgewogen werden, wie klein die Datei sein kann, ohne an Qualität zu verlieren. Außerdem ist es wichtig, dass die Server, die die Websites hosten, mit nachhaltigem Strom betrieben werden (- vielleicht ja von Enyway?).

UX Designer können digitale Produkte entwerfen, die positiven Einfluss auf die Umwelt haben oder sich zumindest nicht negativ auswirken, sie können Digital Green Nudges einbauen und sich Gedanken über die Datennutzung auf einer Website machen. Außerdem sollte am Anfang immer die Frage stehen: Braucht man diese Website, App bzw. das Feature überhaupt? Eine Website, auf der einem verschiedenen farbige Wände entgegenfliegen oder auf der ein Hund den Bildschirm ableckt, braucht zum Beispiel mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit kein Mensch jemals.


Europaparlament ruft „Klimanotstand“ für Europa aus. (28. November 2019).
https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-11/klimawandel-eu-parlament-klimanotstand-europa. Zugegriffen am: 04.12.2019.

Hessischer Rundfunk & ZDF. (10. Oktober 2019). Aktuelle Aspekte der Internetnutzung in Deutschland ARD/ZDF-Onlinestudie 2019.
http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2019/Pressemeldung_ARD-ZDF-Onlinestudie_2019.pdf. Zugegriffen am: 04.12.2019.

Sunstein, C.R. & Thaler, R.H. (2017). Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Düsseldorf: Econ.

Schellhuber, J., Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R., Nakicenovic, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R. (2008). Kassensturz für den Weltklimavertrag – Der Budgetansatz. Sondergutachten 2009 des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Berlin.

Eckstein, D., Künzel, V., Schäfer, L. & Winges, M. (2019). Global Climate Risk Index 2020. Briefing Paper Germanwatch e.V. Bonn.

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